Projekt

Das Forschungsprojekt untersucht die Ehegerichtsbarkeit im Erzherzogtum Österreich unter der Enns, welches heute im Wesentlichen die österreichischen Bundesländer Niederösterreich und Wien umfasst. Fokussiert auf Ehetrennungs-, Eheannullierungs- und Cohabitierungsverfahren vom ausgehenden 16. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts interessieren wir uns für die Handlungsoptionen von Ehefrauen bzw. Ehemännern, welche nicht mehr mit ihrem Partner bzw. ihrer Partnerin leben wollten. Wie argumentierten sie vor Gericht, um ihre Interessen zu erreichen? Wie reagierten die Eherichter?

Ehe und Recht

Das kanonische Eherecht definiert die Ehe als ein Sakrament. Eine gültig geschlossene Ehe kann bis heute nur durch eine Eheannullierung oder den Tod der Ehefrau bzw. des Ehemannes gelöst werden. Für gescheiterte Ehen sieht das kanonische Recht die Institution der Trennung von Tisch und Bett vor. Die Ehegerichtsbarkeit katholisch getaufter UntertanInnen seiner bzw. ihrer Majestät oblag in der Habsburgermonarchie bis 1783 der katholischen Kirche.

1783 übertrug das Josephinische Ehepatent die Ehegerichtsbarkeit in den österreichischen und böhmischen Erbländern sowie in Galizien und Lodomerien an die weltlichen Gerichte. Es definierte die Ehe als einen bürgerlichen Vertrag, erkannte zugleich aber den sakramentalen Charakter der Ehe an. Katholischen Ehepaaren blieb die Möglichkeit einer Scheidung mit Wiederverheiratungsoption, wie sie andere christliche Konfessionen für ihre Mitglieder vorsahen, weiterhin verwehrt. Die vom Corpus Iuris Canonici übernommene Institution der Trennung von Tisch und Bett modifizierte das Josephinische Ehepatent dahingehend, dass die weltlichen Gerichte die Trennung zeitlich nicht mehr einschränken konnten, nun aber beide Eheleute mit der Trennung und deren Folgen einverstanden sein mussten. Bis zur Einführung der Zivilehe im Jahr 1938 konnten sich katholische Ehepaare in Österreich daher nicht „scheiden“ lassen, sondern nur von Tisch und Bett getrennt werden.

Intention und Forschungsziel

Während die Ehegerichte in protestantisch-reformierten Territorien schon früh die Aufmerksamkeit von HistorikerInnen fanden, ist die Ehegerichtsbarkeit in den katholischen Territorien des Heiligen Römischen Reichs im Allgemeinen, in der Habsburgermonarchie im Besonderen, kaum untersucht. In der österreichischen Historiographie ist bisher das Wissen über die Institution der Trennung von Tisch und Bett, die normativen wie praktischen Voraussetzungen, die zuständigen Institutionen und die Anzahl der entschiedenen Fälle, äußerst gering.

Ziel des Forschungsprojekts ist, quellengestützte Aussagen über die Umsetzung von rechtlichen Normen zu treffen. Während die Normen für einen größeren Raum rekonstruiert werden können, setzt die Erforschung der Praxis von Ehegerichten die Begrenzung des Untersuchungsraumes voraus. Für die Wahl des Erzherzogtums Österreich unter der Enns sprachen vor allem der mögliche Vergleich von urbanen und ländlichen Gebieten und die Gegenüberstellung von kirchlichen und weltlichen Ehegerichten. Unsere Absicht ist, sowohl Erkenntnisse über die lebensweltliche Mikroebene als auch über längerfristige – den historischen Sozial- und Kulturwissenschaften bisher unzureichend bekannte – gesellschaftliche Trends im Zusammenhang mit Ehe und Ehetrennung zu gewinnen.

Quellenüberlieferung und Untersuchungszeit

Abgesehen vom Jurisdiktionsgebiet des Wiener und des Wiener Neustädter Bistums unterstand das Erzherzogtum Österreich unter der Enns der Passauer Diözese. Die Protokolle für das Wiener Neustädter Konsistorium setzen erst ab 1768 ein. Die Protokolle des Wiener sowie des Passauer Konsistoriums sind ab dem ausgehenden 16. Jahrhundert fast lückenlos erhalten. Vollständig überliefert sind die Akten des Wiener Stadtmagistrats, welcher durch das

Josephinische Ehepatent erstinstanzlich mit der Ehegerichtsbarkeit der Haupt- und Residenzstadt betraut wurde. Schwierig ist dagegen die Überlieferungssituation der anderen Magistrate bzw. Ortsgerichte, welche im übrigen Erzherzogtum ab 1783 die Ehegerichtsbarkeit ausübten. Die zweite Instanz bildete das Niederösterreichische Appellationsgericht, die dritte und letzte Instanz die Oberste Justizstelle.

Das Ende der Kernuntersuchungszeit bildet das Jahr 1850, in dem eine neue Gerichtsverfassung in Kraft trat. Stichprobenartig werden die 1860er-Jahre untersucht, in denen die katholische Kirche neuerlich die Ehegerichtsbarkeit inne hatte.

Erste Einblicke in die Quellen

Eine erste Sichtung der Protokolle des 17. Jahrhunderts bestätigte unsere Entscheidung für einen regionalen Vergleich. Dominieren in den Passauer Konsistorialprotokollen die Anträge auf Ehedispens und Klagen wegen Eheversprechen, war das Wiener Konsistorium bedeutend häufiger mit Ehetrennungs- und Cohabitierungsklagen konfrontiert. Für beide Konsistorien gilt, dass die Verfahren oft sehr ausführlich protokolliert sind und die von den Ehepaaren bzw. ihren Anwälten vorgebrachten Argumente äußerst vielfältig waren und sich keineswegs auf die vom kanonischen Recht vorgegeben Trennungsgründe beschränkten.

Die Ehefrauen und Ehemänner verfügten in aller Regel über einen Anwalt, der mit den juristischen und theologischen Debatten seiner Zeit vertraut war. Diese bildeten die Folie für die Argumentationsweisen der Rechtsanwälte und die Entscheidungen der Eherichter. Gemeinsam ist den Einträgen in den Konsistorialprotokollen und den Trennungsakten, dass wir es mit Beschuldigungs- und Verteidigungsstrategien zu tun haben, von denen die Männer und Frauen bzw. ihre Anwälte ausgingen, dass sie vor Gericht nützlich sein würden.

Konfliktfelder und Handlungsoptionen

Für die Analyse der im Kontext von Eheverfahren produzierten Quellen (Konsistorialprotokolle und Magistratsakten) werden quantitative und qualitative Methoden miteinander verbunden: In einem ersten Schritt richtet sich das Augenmerk darauf, die Eheverfahren zu erheben, zu digitalisieren und zu transkribieren. In einem zweiten Schritt werden die  „Eckdaten“ der Gerichtsverfahren in einer Datenbank erfasst, um in einem dritten Schritt quantitative Abfragen nach Kriterien wie Klageinteresse, Geschlecht, Stand oder Konfliktfeldern vornehmen zu können. In einem vierten Schritt unterziehen wir ausgewählte Ehekonflikte einer mikrohistorischen Analyse. Ausgehend von biographischen Daten (Name, Wohnort, Beruf) werden möglichst viele Ergänzungsquellen gesucht, um einzelne Ehepaare regional, aber auch sozial genauer zu verorten. Da die Ehegerichtsbarkeit nicht nach feudalistisch-hierarchischen Kriterien differenzierte, geraten Adelige (bis 1783) und Universitäts- oder Militärangehörige ebenso in den Blick wie städtische BürgerInnen und Personen aus ländlich-bäuerlichen bzw. unterbäuerlichen Schichten.

Wie eine erste Sichtung der Quellen zeigte, thematisierten die Ehepaare bzw. deren Anwälte vor Gericht zeitübergreifend Praktiken, die sich den Themenfeldern physische Gewalt, Emotionen, Ökonomie und Wirtschaften, Sexualität, Zusammenleben, verbale Gewalt und Ehre, Konfession und Religion zuweisen lassen. Während in den bisher vorliegenden Studien – abhängig von untersuchter Region, Zeit und vor allem auch vom Forschungsdesign – der analytische Fokus auf einige wenige Themenfelder gelegt wurde, wollen wir diese vorab nicht einschränken, sondern in allen genannten Bereichen nach den Kontinuitäten aber auch Veränderungen fragen.

Eckdaten des Forschungsprojekts

Projekttitel
Ehen vor Gericht. Konfliktfelder und Handlungsoptionen vom 16. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts

Forschungsstätte
Institut für Geschichte | Universität Wien

Projektleiterin
Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Andrea Griesebner

Projektlaufzeit
1. Oktober 2011 bis 30. September 2014

Projektträger

Projektnummer
P20157-G08

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